Der Glockenschlag vom Turm der Calwer Stadtkirche verkündet die siebte Abendstunde.
Über den schummrig beleuchteten Marktplatz schreitet langsam eine in einen merkwürdigen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt auf eine kleine Menschengruppe zu. „Seid gegrüßt, wanderndes Volk“, ertönt es plötzlich laut aus dem bärtigen Gesicht des wundersamen Gesellen. Anstatt jedoch verschreckt über alle Berge zu flüchten, blickt sich das Grüppchen gegenseitig schmunzelnd an. In dem Wissen, dass ein Brauch, der vor langer Zeit verloren ging, an diesem Abend neu erwacht, freut sich der kleine Kreis in erwartungsvoller Spannung auf eine Stadtführung der besonderen Art. Die skurrile Gestalt hört auf den bürgerlichen Namen Wolfgang Stier und ist vielen in der Region auch bekannt als Präsident des 1. Höfener Bart- und Schnorresclubs
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Seit dem Jahr 2011 führt er, als Nachtwächter kostümiert, interessierte Personen und Gruppen auf einem abendlichen Rundgang durch die historische Calwer Innenstadt und erzählt dabei manch schaurige Anekdote, welche sich dem „Hörensagen“ nach einst genau so zugetragen hat.



 

So lockt der Calwer Nachtwächter, aktuell in der Person Wolfgang Stiers, seit einiger Zeit Touristen und interessierte Bürger zu seinen abendlichen Rundgängen und erzählt dabei allerlei ungewöhnliche und gruselige Geschichten aus vergangenen Tagen. Seine Gäste erfahren dabei mehr über die grausige Geschichte der Hinrichtung des Geldverwalters Rothe oder über die traurige Geschichte der Gertrud Pfeiffer. Auch ängstliche Gemüter dürfen sich bei ihm getrost in Sicherheit wiegen. Bewehrt mit Hellebarde und ausgerüstet mit Laterne und imposantem Rufhorn machen Halunken und Bösewichte garantiert einen weiten Bogen um ihn. Der zweistündige Rundgang startet am unteren Marktbrunnen, einen gemütlichen Umtrunk gibt es in einer Zelle im "Langen", dem ehemaligen Gefängnis. Der Nachtwächterrundgang ist ein besonderes Erlebnis für Jung- und Alt und entführt die Gäste auf amüsante, geheimnisvolle und bislang auch schauervolle Weise in ein Calw wie es wohl die wenigsten kennen.

© Copyright Text Nicolai Stotz,  StarletMag 5/2011
© Copyright Fotos Jan Walter,  StarletMag 5/2011